Friedrichstadtpalast

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Beschreibung

Jürgen Ledderboge
Friedrichstadtpalast
Vom Neubau zum Denkmal

Festeinband, 200 Seiten
22 x 28 cm, zahlreiche Abbildungen
ISBN 978-395415-158-5

LESEPROBE

Der Friedrichstadtpalast mit einer der europaweit größten Revuebühnen feiert Geburtstag. 1984 wurde er nach 39 Monaten Bauzeit eröffnet und im Jahr 2020 unter Denkmalschutz gestellt.
Der einstige Oberbauleiter Jürgen Ledderboge kennt jedes Detail von der Planung des Gebäudes bis hin zur Eröffnung. Jetzt hat er dieses Buch geschrieben. Hintergrundkenntnisse, eine Vielzahl an Abbildungen, Skizzen und Plänen, sowie Anekdoten machen dieses Buch zu einer kurzweiligen Lektüre.

Rezensionen

Ralf Julke
Friedrichstadtpalast: Wie das bekannteste Revue-Theater Berlins vor 40 Jahren neu gebaut wurde

Der Friedrichstadtpalast ist eine Legende. Auch der neue. Er war das Revue-Theater Berlins. Genauso wie der alte Friedrichstadtpalast, der aber 1980 aus baulichen Gründen geschlossen werden musste. Das hätte das Ende der Geschichte dieses Revue-Theaters bedeuten können, hätte nicht ausgerechnet das Jubiläum „750 Jahre Berlin“ vor der Tür gestanden. Da ließ sich auch die DDR-Führung nicht lumpen und versprach den Berlinern, dass sie wieder eine Friedrichstadtpalast bekommen würden. Dafür machte sie sogar 219 Millionen Mark locker. Es wurde das Lebenswerk für Bauleiter Jürgen Ledderboge.
Genau davon erzählt dieses reich mit Fotos, Karten und Architekturentwürfen bestückte Buch. Es erzählt die Entstehungsgeschichte des neuen Friedrichstadtpalastes, dem schon sechs Jahre nach seiner Fertigstellung sogar fast der Abriss drohte, weil er einigen Leuten tatsächlich ein Dorn im Auge war. Doch sie fanden keine Begründung für den gewünschten Abriss. Stattdessen wurde der Bau 2020 unter Denkmalschutz gestellt.
Ledderboge erzählt natürlich nicht die Geschichte der Revuen, der Ensembles und der Stars, die im neuen Friedrichstadtpalast auftraten, nicht die der Shows, die dann auch im Fernsehen der DDR das Publikum vor die Röhre zogen. Er erzählt, wie so ein Bau auch unter DDR-Bedingungen entstehen konnte, wenn nur das nötige Geld zur Verfügung stand und die Bauausführenden freie Hand hatten, innovative Lösungen für ein Bauwerk zu finden, das dieserart einzigartig war. Nicht nur für die DDR. Ein vergleichbar anspruchsvolles Projekt gab es parallel nur bei der Wiederherstellung der Semperoper in Dresden.

Auf schwierigem Grund gebaut
Und so ist Ledderboges Buch im Grunde eine Geschichte darüber, was in der DDR möglich war, wenn das Objekt in den Augen der Mächtigen nur wichtig genug war. Im Grunde war der Neubau sogar Teil der Pläne, die gesamte Friedrichstraße neu zu gestalten, die im Zweiten Weltkrieg einen Großteil ihrer historischen Bausubstanz verloren hatte. Der alte Friedrichstadtpalast befand sich gleich um die Ecke. Den Namen trug er erst seit 1947, nachdem Marion Spadoni, die das Haus als Palast Varieté wiedereröffnet hatte, kurzerhand enteignet worden war.

Die innere Bausubstanz mit ihrer Gußeisenkonstruktion selbst stammte aus dem Jahr 1868, als die Stadt Berlin hier moderne Markthallen nach dem Vorbild von Paris erbauen ließ. Nur hatten die Berliner irgendwie keine Lust auf das Einkaufen in modernen Markthallen. Aus dem Bau wurde also schon nach wenigen Jahren ein Zirkus, bald ein Riesentheater. Mit jedem Umbau wurde der Baugrund stärker belastet. Der ganze Bau ruhte auf Pfählen, da er mitten im Flussbett der Panke, kurz bevor sie in die Spree mündete, errichtet worden war. Später kamen noch Kriegsschäden hinzu. Der Bau sackte immer weiter ab, bis er baupolizeilich endgültig geschlossen werden musste.

Aber die DDR-Regierung zögerte nicht lange, wie Ledderboge erzählen kann. Noch 1980 wurden die Pläne für den neuen Friedrichstadtpalast entwickelt. Schon im November 1980 wurde das Gelände in der Friedrichstraße 107, wo sich vorher ein großer Parkplatz befand, beräumt. Im Dezember begann die Tiefenenttrümmerung samt Rammarbeiten und Ausschachtungen. Der Eröffnungstermin im April 1984 stand schon frühzeitig fest. Und mit gewissem Stolz kann Ledderboge erzählen, wie straff alle Bauarbeiten organisiert waren, obwohl es noch während der Bauarbeiten zu Anpassungen kam, weil auch die Künstler ihre Wünsche an den neuen Bau hatten.

Ein Haus für ganz große Revuen
Um den Lesern ein Bild davon zu vermitteln, wie der Bau ablief, widmet Ledderboge den ganzen ersten Teil des Buches dem Baugeschehen, schildert jede einzelne Etappe, erzählt von den gefundenen Lösungen und der Zufriedenheit, als man Anfang 1984 die fertiggestellten Räume nach und nach an die Künstler übergeben konnte, die noch während der letzten Ausbauarbeiten für die Eröffnungs-Show „Friedrichstraße 107“ probten. Und das neue Haus war mit Finessen gespickt – mit einem einfahrbare Wasserbassin, einer Eislauffläche, Fluginstallationen. Viele der aus jahrzehntelangen Revue-Erfahrungen geborenen technischen Anlagen wurden später, als der Palast unter Marktbedingungen arbeiten sollte, gar nicht mehr benutzt.
Im Abspann des Buches gibt es auch noch ein ausführliches Interview mit dem Autor, der durchaus berechtigt einige kritische Worte äußert zum Umgang der Regierenden nach 1990 mit den Bauten aus der DDR-Zeit, aber auch dem Snobismus, mit dem den Architekten und Bauleitern aus der DDR begegnet wurde. Ein Snobismus, der nie wirklich berechtigt war. Was Ledderboge dann auch mit einem eigenen, viel gefragten Büro bewies. Denn eins hatte er in der DDR gelernt: wie man mit einer guten Organisation ein anspruchsvolles Bauwerk fristgerecht und im Rahmen der Finanzen fertigstellen konnte. Und beim Friedrichstadtpalast unterschritt man sogar die bereitgestellte Summe.
Und fand dennoch innovative Baulösungen, die das Bauwerk dann drei Jahrzehnte später so einzigartig machten, dass es den Denkmalstatus bekam. Der alte Friedrichstadtpalast wurde – obwohl er nicht mehr bespielt wurde – tatsächlich erst 1985 abgerissen. Eine einzigartige Gelegenheit für die Historiker, die ursprüngliche Bausubstanz zu besichtigen, die unter der in Jahrzehnten gewachsenen Verkleidung steckte.
Und für die Statiker wird es ein spätes Erschrecken gewesen sein, als sie sahen, wie kaputt die alte Trägersubstanz schon war. Auch der Abriss des alten Friedrichstadtpalastes wird im Buch geschildert, bevor zwei Interviews folgen und das Kapitel, das die Beurkundung als Baudenkmal beinhaltet. Auch der Text dieser Erklärung findet sich im Buch und würdigt besonders die Baulösungen, die von 1980 bs 1984 bei diesem Prachtbau gefunden wurden.

Ein Stück DDR-Realität
Und am Ende gibt es eine regelrechte Schau-Strecke mit Plänen, Grundrissen und Skizzen zum neuen Friedrichstadtpalast, wie sie damals Grundlage für die Entwicklung dieses einzigartigen Theaterbaus waren, der nach seine Eröffnung sehr schnell wieder zum Magneten für das unterhaltungsfreudige Publikum wurde.
Nur dass Ledderboge die Shows nur streift und den Lesern lieber erzählt, wie man so einen Prachtbau in erstaunlich kurzer Zeit entwickeln und bauen konnte. Erstaunlich auch für die Gegenwart, wo schon die Vorplanungen für so einen Bau oft Jahre dauern, bevor auch nur der erste Bagger aufs Gelände rollt. Viele Fotos geben Einblicke ins Baugeschehen und einen Eindruck von den gewaltigen Dimensionen von Bühne und Zuschauerraum. Man schaut auch in all jene Räume, die man als normaler Besucher nie zu sehen bekommt. Und auch auf kleine Anekdoten verzichtet der Autor nicht, etwa einen folgenreichen Zahnarztbesuch, der mitten in der „heißen Bauphase“ fällig wurde. Oder von den Sabotageversuchen an der Technik, in deren Folge dann die Stasi eingeschaltet wurde.
Der Palast schwebt also nicht einfach nur im unpolitischen Raum der Bauleute. Es wird auch ein Stück der DDR-Realität sichtbar, in der hier gebaut wurde. Von eifrig schippenden Studenten bis hin zur Grundsteinlegung mit sozialistischem Pomp auf der Baustelle. Die Realität wird auch mit Teelöffeln aus Aluminium sichtbar, mit denen die Bauleute die Fugen in Garderoben und Werkstätten verstrichen. Improvisieren war gelernt. Etwa, wenn es um das Besorgen von einer Menge Silberfolie für die Bühnendekoration ging. Woher nehmen in einem Land, wo es so etwas nicht im Laden gab? Die Kaffeerösterei Bero konnte helfen.

Wettstreit der Systeme
Nicht alle Bauprojekte in der DDR hatte so viele Freiheiten. Das klingt zumindest an. Nur für ganz wenige standen so viele Ressourcen bereit. Und so zeigt Ledderboge im Grunde auch, wie besonders dieser Bau allein schon dadurch ist, dass er unter den durchaus beengten Verhältnissen der DDR gebaut wurde. Natürlich auch mit dem Anspruch, der ganzen Welt zu zeigen, was das kleine Land zuwege bringen konnte, wenn es nur alle Kräfte bündelte.
Und der 750-jährige Geburtstag von Berlin stand ja bevor. 1987 wollte der Ostteil der Stadt dem Westteil zeigen, dass er mehr auf die Beine stellen könnte als dieser. Ein eben auch im Bereich der Architektur ausgetragener Wettstreit der Systeme, der bekanntlich 1990 nicht endete. Und mit einigem Groll erzählt Ledderboge davon, wie der noch junge Bau an tausenden Stellen angebohrt wurde, um unbedingt Asbest darin zu finden.
Doch mit dem „Palast der Republik“ hatten auch die Bauleute in der DDR gelernt, dass Asbest ein gerade für die Bauleute gefährlicher Baustoff war. Als es an die Projektierung des Friedrichstadtpalastes ging, hat man aus bitteren Erfahrungen von vornherein darauf verzichtet. Was den Bau dann eben auch über die sehr dissonanten 1990er Jahre rettete. Und dem damaligen Bauleiter die Zeit verschaffte, sein großes Buch über das Bauwerk zu schreiben, das ihm ans Herz gewachsen ist.
Erinnerung und gleichzeitig nachlesbare Baugeschichte. Beeindruckend nicht nur für Architekten, sondern auch für alle, die bei einem Berlinbesuch den Friedrichstadtpalast ganz bestimmt nicht auslassen möchten. Denn er erzählt auch von einem Kapitel deutscher Revue-Geschichte, die nach 1990 ebenfalls heftig umkämpft war, weil etwa ein kurzzeitiger Intendant kein Gefühl für die sehr deutsche und sehr Berliner Revue-Theater-Tradition hatte.